Die Berliner Mauer ist wohl eines der bewegendsten Bauwerke des 20. Jahrhunderts. Sie zerteilte nicht nur eine Stadt – sie ist auch das Symbol der Teilung der Welt in zwei Blöcke. Im Nachhinein ist sie als Mahnmal gegen Gewalt, Machtstreben und Unmenschlichkeit zu betrachten, in der Hoffnung, dass nachfolgende Generationen aus den Fehlern dieser irrwitzigen Spaltung Europas lernen. Michael Cramer, der Autor dieses Radtourenbuches, geleitet Sie mit seinem fundierten Wissen über die Geschichte der Berliner Mauer und zahlreichen Anekdoten, die sich im Laufe der Jahre hier abgespielt haben, rund um das ehemalige West-Berlin. So gelingt es, eine lebendige Reise durch die Geschichte mit einer vergnüglichen Radtour zu verbinden.
Präzise Karten im Maßstab 1:20.000 sowie genaue Wegbeschreibungen machen diese Radtour entlang des 160 Kilometer langen ehemaligen Grenzstreifens zu einem unvergesslichen Erlebnis.
Der Autor Michael Cramer wurde am 16. Juni 1949 in Gevelsberg/Westfalen
geboren, besuchte in Ennepetal das Reichenbach-Gymnasium, auf dem er 1969 die
Abiturprüfung ablegte.
Danach studierte er Musik und Sport an der Johannes-Gutenberg-Universität
in Mainz, an der er 1972 die Diplom-Sportlehrerprüfung und 1974 die künstlerische
Prüfung in der Fachrichtung Musik ablegte, die 1. Staatsprüfung für
das Lehramt an Gymnasien.
Von 1975-1977 absolvierte er in Berlin am Neuköllner Ernst-Abbé-Gymnasium
das Referendariat, das er mit der 2. Staatsprüfung abschloss. Danach unterrichtete
er am Neuköllner Albrecht-Dürer-Gymnasium bis 1995.
Seit 1989 ist Michael Cramer als verkehrspolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen Mitglied im Abgeordnetenhaus von Berlin und war von 1989-1990 Vorsitzender des Ausschusses für Verkehr und Betriebe. Gleichzeitig nahm er neben seiner Tätigkeit als Abgeordneter mehrere Lehraufträge am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin wahr, um im Fachbereich Politikwissenschaft Studierende in der Verkehrs- und Stadtpolitik zu unterrichten. Darüber hinaus ist er durch Veröffentlichungen in Zeitschriften, Büchern, etc. publizistisch tätig.
Seit über 20 Jahren ist Michael Cramer in Berlin auch ohne eigenes Auto mobil, weil er im Alltag Fahrrad, Bus, Bahn und Taxi benutzt und im Urlaub den sanften Tourismus bevorzugt. Deshalb ist ihm nicht nur die Situation in und um Berlin vertraut, sondern er hat auch viele Velorouten in der Schweiz, in Österreich, in Frankreich und in Deutschland im wahrsten Sinne des Wortes erfahren.
Der Fotograf Peter Trzeciok lebt seit seiner Geburt, 1930, in
Berlin. Er hat an der Freien Universität studiert und war als Lehrer und
in der Lehrerausbildung bis 1995 tätig. Als West-Berliner hat er die Errichtung
der Mauer, die Existenz in der durch sie abgeschnittenen Stadthälfte und
den Fall der Mauer erlebt.
Seit 1986 ist er die Grenze um West-Berlin abgegangen und hat sie fotografiert,
auch nach dem Fall der Mauer.
„Wo stand eigentlich die Mauer?“ fragen viele Berlin-Touristen. Der Mauerverlauf ist nur an wenigen Stellen dokumentiert, weil in der Wendezeit fast alle authentischen Zeugnisse des Grenzverlaufs beseitigt wurden. Heute wird parteiübergreifend eingestanden, dass das ein Fehler war.
Die Stadtentwicklung ist in den Jahren nach der Wende in einem solch rasanten Tempo vorangeschritten, dass sich selbst viele Berlinerinnen und Berliner nur noch schwer an den genauen Verlauf der Mauer erinnern können. Für Jugendliche sind diese Zeiten schon Geschichte. Um so notwendiger ist es, für zukünftige Generationen die 28-jährige Spaltung im Stadtbild erkennbar zu machen. Nur der Verlauf von acht der 40 Kilometer langen innerstädtischen Grenze ist durch eine Doppelreihe Kopfsteinpflastersteine mit der Inschrift: „Berliner Mauer 1961-1989“ markiert.
Insgesamt war die Mauer um West-Berlin 160 Kilometer lang. Sowohl ihre Lage änderte sich durch mehrfachen Gebietsaustausch wie auch ihr Aussehen. Der Stacheldraht wurde Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre durch vorgefertigte Mauersegmente, auf einigen kurzen Abschnitten durch Metallgitterzäune ersetzt. Neben der „äußeren Grenzmauer“ Richtung Westen gab es schon bald eine „innere Grenzmauer“ Richtung Osten. Zwischen beiden lag der sogenannte Todesstreifen mit dem „Kolonnenweg“, auf dem die DDR-Grenztruppen patrouillierten. Auf DDR-Seite durften im angrenzenden Sperrgebiet nur ausgewählte Personen leben. Mehr als 300 Wachtürme, taghelle Beleuchtung, Signal- und Alarmzäune sowie die Hundelaufgebiete, Selbstschussanlagen und Panzersperren sollten die Flucht nach West-Berlin verhindern.
Mehr als 230 Flüchtlinge fanden an der Berliner Mauer den Tod. Am 24. August 1961 wurde der erste Flüchtling, der 24-jährige Schneider Günter Litfin, erschossen, als er durch den Humboldthafen an das westliche Ufer schwimmen wollte. Das letzte Maueropfer war der 20-jährige Chris Gueffroy, der am 6. Februar 1989 in einem Kugelhagel getötet wurde. Er hatte versucht, von Treptow aus durch den Britzer Verbindungskanal nach Neukölln zu schwimmen.
Auf der West-Berliner Seite gab es entlang der Mauer den nur an wenigen Stellen
unterbrochenen sogenannten „Zollweg“, der für die Berliner
Polizei und die alliierten Kontrollfahrzeuge angelegt worden war. Er wurde und
wird auch heute noch von Erholung suchenden Berlinerinnen und Berlinern als
Rad- und Wanderweg genutzt. An einigen Stellen ist er sogar wichtig für
den täglichen Schulweg.
Unmittelbar nach dem Fall der Mauer hatten sich viele Umwelt- und Verkehrsinitiativen
der Forderung der örtlichen Gliederung des Fahrradclubs ADFC angeschlossen,
den ehemaligen Mauerstreifen als Fahrradrundweg auszubauen. Zur Unterstützung
dieser Forderung versahen sie den Kolonnenweg an vielen Stellen mit einem Fahrrad-Piktogramm.
Leider haben DDR-Grenzpolizisten, die bis zum 2. Oktober 1990 noch zuständig
waren, an vielen Stellen die Piktogramme entfernt und den Teerbelag zerstört.
Danach versäumten die Landesregierungen von Berlin und Brandenburg, das
Wegerecht zu sichern. Deshalb sind heute sowohl der Kolonnenweg wie auch der
Zollweg nicht mehr vollständig erhalten. So unterbrechen nicht nur die
Trassen der Dresdener und Anhalter Bahn, sondern auch nach der Wende verkaufte
und inzwischen bebaute Grundstücke den Mauerweg. Mit kleinen Umwegen kann
man aber noch immer den gesamten Grenzverlauf abradeln.
Als die DDR-Regierung 1961 die Mauer errichten ließ, hatte sie die Bewohner
des Grenzgebietes aus ihren Häusern vertrieben, zwangsumgesiedelt, zum
Teil entschädigt, zum Teil aber auch nicht. Angeblich wurde die Rückgabe
an die ehemaligen Eigentümer im „Einigungsvertrag DDR/BRD“
zwischen den beiden deutschen Staaten vom 6.9.1990 „vergessen“.
Zwar wurde der Grundsatz „Rückgabe vor Entschädigung“
festgeschrieben, er gilt aber nicht für diejenigen Flächen, die den
Besitzern für den Bau der Berliner Mauer weggenommen worden waren.
Die Debatte um die Mauergrundstücke zog sich lange hin. Die Rückübertragung
„ohne Wenn und Aber“ scheiterte schließlich im Deutschen Bundestag
allein am Widerstand der CDU/CSU-Fraktion. Die früheren Eigentümer
können heute für 25 Prozent des Verkehrswertes ihre Grundstücke
zurückkaufen, „sofern der Bund sie nicht für dringende eigene
öffentliche Zwecke verwenden oder im öffentlichen Interesse an Dritte
veräußern will.“ Ist das der Fall, haben die Alt-Eigentümer
einen Entschädigungsanspruch auf Zahlung von 75 Prozent des Verkehrswertes.
Der „Berliner Mauer-Radweg“ ist eine abwechslungsreiche und geschichtsträchtige
Route. Er führt an wichtigen und an bekannten Stadtplätzen vorbei.
Namen stehen erinnernd für Ereignisse: Checkpoint Charlie, Potsdamer Platz,
Invalidenfriedhof oder Bernauer Straße. Und auch die am 9. November 1989
berühmt gewordene Bösebrücke in der Bornholmer Straße,
auf der die ersten Grenzgänger mit Jubel und Sekt begrüßt wurden,
liegt auf der Route. Sehenswert sind die legendäre Oberbaumbrücke,
die „East-Side-Gallery“ oder die verbliebenen Mauersegmente am Potsdamer
Platz. Interessant ist auch das „Parlament der Bäume gegen Krieg
und Gewalt“ von Ben Wargin, dessen kurz nach dem Fall der Mauer geschaffenes
Kunstwerk in die Bundestagsbauten auf dem östlichen Spreebogen integriert
wurde.
Der Umgang mit der Mauer bewegte nach der Wende die Gemüter. Die meisten
Berliner wollten, dass sie möglichst schnell aus dem Stadtbild verschwindet.
Nur wenige setzten sich dafür ein, dass authentische Teile von Mauer und
Grenzstreifen unter Denkmalschutz gestellt werden. Zu ihnen gehörte Willy
Brandt, Berlins Regierender Bürgermeister zur Zeit des Mauerbaus (1957-1966).
Der für seine Entspannungs- und Ostpolitik am 10.12.1971 mit dem Friedensnobelpreis
geehrte erste sozialdemokratische Bundeskanzler der Nachkriegszeit (1969-1974)
regte am 10. November 1989 vor dem Schöneberger Rathaus an, „ein
Stück von jenem scheußlichen Bauwerk ... als Erinnerung an ein historisches
Monstrum stehen (zu) lassen. So wie wir seinerzeit nach heftigen Diskussionen
in unserer Stadt uns bewusst dafür entschieden haben, die Ruinen der Gedächtniskirche
stehen zu lassen“.
Und Michaele Schreyer (Grüne), von 1989 bis 1991 Senatorin für Stadtentwicklung
und Umweltschutz und spätere EU-Kommissarin, setzte sich über den
damaligen Zeitgeist, die Opposition und auch ihren größeren Koalitionspartner
hinweg und stellte als dafür zuständige Senatorin die Mauer in der
Niederkirchnerstraße unter Denkmalschutz.
Auch das Mauermuseum in der Bernauer Straße wurde vom damaligen Bundeskanzler
Helmut Kohl (CDU) nach heftigen Diskussionen durchgesetzt. Und zwar gegen den
erbitterten Widerstand seiner Parteifreunde im Berliner Senat, die dort lieber
eine sechsspurige Schnellstraße bauen wollten.
Um „durch örtliche Markierungen die Erinnerung an die ehemaligen Grenzübergänge auch im Stadtbild zu bewahren“ – 1961 gab es insgesamt acht - wurde im März 1996 der Künstlerische Wettbewerb „Übergänge“ ausgelobt. Als Ergänzung zur Markierung des ehemaligen Mauerverlaufs und zur künstlerischen Gestaltung der Grenzübergänge wurde darüber hinaus die „Geschichtsmeile Berliner Mauer“ ins Leben gerufen. Sie ist eine viersprachige Dauerausstellung, die mit derzeit 16 Tafeln über die Geschichte von Teilung, Mauerbau und Maueröffnung informiert. Mit Fotografien und kurzen Texten werden Ereignisse geschildert, die sich am jeweiligen Standort zugetragen haben.
An der Bernauer Straße zum Beispiel wird an die Flucht des Volkspolizisten Conrad Schumann erinnert, der dort am 15. August 1961 über die Stacheldrahtrolle sprang. Das Photodokument von Peter Leibing ging um die Welt. Hingewiesen wird auch auf den Fluchtversuch der 58-jährigen Ida Sieckmann, die am 22. August 1961 aus ihrem Fenster im dritten Stock des Hauses Bernauer Straße 48 auf den westlichen Bürgersteig sprang und tödlich verletzt wurde. Ins Gedächtnis gerufen werden auch die erfolgreichen Tunnelfluchten. Die erste Tafel wurde am 9. November 1999, dem 10. Jahrestag der Maueröffnung, aufgestellt. Insgesamt sind 25 Informationstafeln geplant.
Wer von der Berliner Mauer spricht, meint in der Regel den innerstädtischen Grenzstreifen. Es gibt aber auch noch die etwa 120 km lange Grenze zwischen West-Berlin und Brandenburg, die man abradeln kann. Weit ab von der pulsierenden Innenstadt befindet man sich in einer landschaftlich reizvollen und ruhigen Landidylle. Man passiert zum Beispiel „Eiskeller“ in Spandau, ein Gebiet, das fast vollständig von der Mauer umgeben war. Oder den ehemaligen Grenzübergang in Staaken. Geschichtsträchtig ist auch die Glienicker Brücke, auf der die Großmächte ihre Spione ausgetauscht haben. Und natürlich die größte Grenzanlage in Dreilinden, (am Autobahn-Übergang), die unter Denkmalschutz gestellt wurde.
Verdienste für den „Berliner Mauer-Radweg“ hat sich der rot-grüne
Senat erworben, der vom 16. Juni 2001 bis zum 17. Januar 2002 die Stadt regierte.
Nachdem sich im Sommer 2001 an den vom Verfasser durchgeführten sieben
„Mauerstreifzügen“ etwa 1000 Menschen beteiligt hatten und
das Medienecho darüber sehr positiv war, hat der Senat anlässlich
des 40. Jahrestags des Mauerbaus beschlossen, nahezu alle noch verbliebenen
Mauerreste unter Denkmalschutz zu stellen, den gesamten Verlauf der Berliner
Mauer zu kennzeichnen und die Route fahrradfreundlich zu gestalten. Deshalb
wird in naher Zukunft die gesamte 160 km lange Strecke barrierefrei gestaltet
sein, so dass sie nicht nur mit Fahrrädern und Inline-Skates, sondern auch
von Menschen mit Rollstuhl oder Kinderwagen benutzt werden kann.
Aber schon in seinem heutigen Zustand ist der „Berliner Mauer-Radweg“
eine reizvolle Kombination von Geschichtswerkstatt und Fahrradtourismus, von
Freizeit und Kultur. Vor allem der innerstädtische Abschnitt zwischen Bernauer
Straße und Oberbaumbrücke ist so informativ, dass er nicht nur zum
Entlangradeln einlädt, sondern auch zu einem historisch-politischen Spaziergang.
Der „Berliner Mauer-Radweg“ auf dem Gebiet des ehemaligen Grenzstreifens
ist eine Erinnerung an die Spaltung der Stadt und deren Wiedervereinigung. Der
Text ist angelehnt an die Broschüre „Berliner Mauerstreifzüge
“, die die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Abgeordnetenhaus
von Berlin im Frühjahr 2001 herausgegeben hat.
Der „Berliner Mauer-Radweg“ ist in insgesamt vierzehn Etappen gegliedert. Anfang und Ende liegen immer an einem Bahnhof. Bis auf die S-Bahnhöfe Wollankstraße, Potsdamer Platz und Warschauer Straße sind alle Etappen-Bahnhöfe behindertengerecht zugänglich. Die Fahrradmitnahme ist in allen Regionalzügen und auch in der U- und S-Bahn uneingeschränkt möglich. Die Abfahrtzeiten der Züge – und auch die der BVG-Fähre von Wannsee nach Kladow – kann man in Berlin zum Tarif eines Ortsgesprächs beim Call-Center der BVG unter (030)19449 rund um die Uhr erfragen.